Interkulturelle Kompetenz

In meinem Studium gab es die Möglichkeit neben sozialer Kompetenz ein zusätzliches Zertifikat zu erwerben, welches interkulturelle Kompetenz bescheinigt, wenn eine bestimmte Anzahl an Kursen aus einem bestimmten Bereich erfolgreich absolviert wurde. Ich habe mir diesen zusätzlichen Aufwand gespart und fühle mich vielleicht deshalb auf dieser Reise bisweilen interkulturell inkompetent.
Das kann an Sprachbarrieren, Mann-Frau-Barrieren auf interkultureller Basis und Interpretationsbarrieren liegen. Eine besondere Anekdote aus dieser Sparte möchte ich mit Euch teilen.

Wolfgang und ich waren den zweiten Tag im Iran und hatten wieder einen langen, heißen Tag mit Steigung von morgens bis abends hinter uns.  Vor uns lag ein Pass auf 2420 m, den ich an diesem Tag unter keine Umständen mehr bewältigen konnte. Ich war erschöpft, müde und hungrig. Also suchten wir am Rande eines Dorfes vor dem nächsten steilen Anstieg einen Zeltplatz und wurden fündig.
Neugrierige Blicke und freche Kinderkommentare begleiteten unsere Ankunft, unser Kochen und den Aufbau unseres Zeltes.
Wir sind zweifellos eine Rarität in manchen Gegenden, aber nach einem anstrengenden Tag und des nicht abflauenden Interesses an uns überdrüssig, habe ich auch gerne mal meine Ruhe und bin dementsprechend gereizt.
Einer der Jungen schleicht immer wieder scheinbar suchend um unser Zelt herum. Wolfgang und ich deuten sein Verhalten so, dass er nur so tut als würde er etwas suchen, aber eigentlich neugierig ist und sich das Zelt genauer ansehen möchte. Wir geben ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er ins Zelt schauen darf, wenn er möchte. Er grinst scheinbar verlegen und geht wieder auf Abstand.
Wolfgang geht Wasser holen und ich mache es mir im Zelt gemütlich, d.h. ich nehme erstmal das Kopftuch ab und entledige mich anderer Kleiderschichten, an die ich mich bei den den Temperaturen ohnehin noch nicht gewöhnt habe. Plötzlich haut jemand mit einem Stock von Außen auf das Zelt. Erst erschrecke ich, weil ich mich verbotenerweise als Frau im Iran in der Öffentlichkeit meiner Kleidung entledigt habe. Dann fällt mir ein, dass ich ja im Zelt bin und mich keiner sehen kann und bleibe muchsmäuschenstill.
Doch wieder haut jemand auf das Zelt und ruft etwas. Jetzt bin ich genervt und frage, was los ist und natürlich bekomme ich keine Antwort. Ich ziehe mich also wieder an und schaue aus dem Zelt. Der neugierige Junge steht davor, deutet auf die Heringe und macht eine Geste, dass ich sie wieder heraus ziehen soll. Ich schüttele den Kopf. Er macht erneut diese Geste, dann fügt er eine neue hinzu, nach der er in etwas blättert und schreibt, dann deutet er mit dem Zeigefinger nach oben in den Himmel.
Ich kombiniere Buch, Gott, Iran und frage `Koran?`. Er nickt. Ich krieg die Krise. Ich verhülle mich wie eine Mumie, stürze mich trotz Hitze, Staub und Schweiß nicht nackt in erfrischende Fluten und soll jetzt diesen Zeltplatz aufgeben, weil etwas derartiges im Koran steht?

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Ich schüttele erneut den Kopf und mache eine Geste, die fragen soll, wo wir denn dann hin sollen. Der Junge wiederholt seine Gesten und wirkt verzweifelt. Ich wiederhole meine und bin verzweifelt.
Wolfgang kommt zurück und ich versuche ihm die Situtation zu erklären. Zunächst fragt mich Wolfgang, ob ich zu viel Haar gezeigt hätte. Ich verneine. Dann meint er, dass dem Jungen das Zelt vermutlich zu modern ist und versucht ihn zu beruhigen. Der Junge beharrt auf seinem Standpunkt `Heringer raus, Buch blättern, Zeigefinger nach oben`. Schließlich versucht er das Zelt anzuheben und Wolfgang hält ihn ab, bis er versteht, dass der Junge unter das Zelt schauen will. Der Junge schaut unter das Zelt und rennt beschämt weg.
Wir kapieren: Der Junge hatte tatsächlich etwas verloren, und zwar den Koran, und vermutete, dass dieser unter unserem Zelt lag.
Es steht also nicht im Koran, dass es verboten ist, an dieser Stelle zu zelten. Genauso wenig untersagt der Koran die Nutzung moderner Errungenschaften wie unser Zelt. Und noch weniger war der Junge neugierig auf unser Equipment. Er war schlicht auf der verzweifelten Suche nach seinem Koran, was um so deutlicher wurde, als er in Tränen ausbrach, weil er ihn auch unter unserem Zelt nicht finden konnte.

Ich bin nicht sicher, ob mir in dieser Situation der Besuch einiger Kurse aus dem Bereich interkulturelle Kompetenz weiter geholfen hätte. Aber sie führte mir peinlich vor Augen, wie sehr wir in unseren subjektiven Denkmustern gefangen sind. Verunsichert durch fremde Länder und fremde Sitten, wappnen wir uns vorsichtshalber gegen Angriffe von Außen anstatt von harmlosem Interesse auszugehen oder wie in diesem Fall von Null Interesse an uns.

2 thoughts on “Interkulturelle Kompetenz

  1. Hallo Cora,
    ich hab soooo lachen müssen..konnte mir Dich in dieser Situation (auch an Hand der Bilder!!!) so richtig vorstellen..
    ich glaub, dass man den Umgang mit solchen Situationen nicht lernen kann..aber vielleicht rückt die vertrauensvolle, offene Herangehensweise an erste Stelle und das Misstrauen an die zweite Stelle, denn eine gesunde Art von Zurückhaltung
    wird auch immer den nötigen Abstand herstellen um eine Situation einigermaßen 😉 ! richtig einzuordnen…viel, viel Freude (und vielleicht auch Spaß) dabei..

  2. Toller Beitrag, Cora! 🙂 Ich glaube, du hast dir das Zertifikat „Interkulturelle Kompetenz“ hiermit verdient.
    Ich drücke dich!
    Judith

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